Die Reanimation eines Stahlrahmens

Mein erstes Rennrad war ein Peugeot für 450 Mark. Das war mausgrau, bleischwer und hatte 12 Gänge. Im lokalen Radverein hatten wir zwei Willis. Der eine war damals mit fast 50 schon uralt. Er war die unangezweifelte Autorität im Team, sorgte für eine saubere Zweierreihe und pfiff die Gruppe zurück, wenn es am Berg zu schnell wurde. Am Berg ließ er mich eine ganze Weile regelmäßig stehen und für uns alle war er Vorbild “So fit möchte ich im Alter auch sein”. Heute ist Willi über 75 und ich bringe ihn noch kaum aus dem Windschatten.

Als ich nach einiger Zeit entdeckte, dass mir der Sport Spaß machte, wollte ich natürlich ein halbwegs zeitgemäßes Rad. Dazu liebäugelte ich mit einer recht neuen Sportart namens Triathlon. Der andere Willi hatte einen kleinen Radladen im Nebenerwerb. 1991 gewann Miguel Indurain zum ersten Mal die Tour de France auf einem Stahlrad der Marke Razesa. Es lag also nah, dass mein neues Rad auch von Razesa sein würde. Mit einer 8-fach Shimano 600er Gruppe und Campafelgen bekam ich es so geschraubt, wie ich es wollte – gleich mit einem Triathlonlenker. Die sahen damals aus wie umgedrehte Rennbügel mit Verlängerung und waren aus einem Stück. So fuhr ich meine ersten Wettkämpfe und auch bei meiner ersten Mitteldistanz ging ich so an den Start und lieferte einen 34er Schnitt ab.

Einen bösen Sturz gab es im Trainingslager auf Malle, wo am Berg im Wiegetritt der Vorbau aus dem Hause Tune einfach auseinander brach. Noch mit dem Lenker in der Hand fand ich mich auf der Straße wieder. Passiert ist mir zum Glück fast nichts. Es gab nur ein paar Prellungen und Schürfwunden und die Erkenntnis, in Zukunft auf extreme Leichtbauteile zu verzichten. Kurze Zeit später kam mir ein Carbonrahmen von Kestrel in den Weg (aber das ist eine andere Geschichte) und der Razesa wurde mit einfachen Sora STIs zum Trainingsrennrad. Im Anflug geistiger Umnachtung kam ich irgendwann auch auf die Idee, die Stahlgabel gegen eine aus Carbon zu wechseln. Ein Stilbruch sondersgleichen und zum Glück gibt es davon kein Foto. Als Trainingsrad gab es dann irgendwann einen Nachfolger von Storck und der Razesa landete auf dem Rollentrainer.

Coronabedingt war aber nun Zeit, den Rückbau in den Originalzustand anzugehen. Alle alten Teile hatte ich noch und letztendlich hätte ich nur neue Mäntel, eine Kette und eben eine Stahlgabel benötigt. Doch dann gab es noch neue Schalt- und Bremszüge und eine Kassette. Die Original-Griffgummis waren dann auch ein wenig angeschimmelt und so wurden es auch noch neue Bremshebel. Achja, Lenker und Vorbau von Cinelli mussten natürlich auch sein. Ein schwarzer Ahead-Vorbau von Ritchey war doch recht unpassend. Den restlichen Mix aus 600er und 105er Gruppe behielt ich aber und natürlich auch die alten Campa-Felgen. Rost hat sich in den 30 Jahren kaum angesetzt und die Chromteile schauten nach der Politur auch wieder super aus. Ein Freund meinte noch, ich brauche Pedale mit Körbchen, doch die waren selbst in meiner Anfangszeit schon nicht mehr en vogue. Die Pedale von Time waren von Anfang an am Rad.

Die erneute “Jungfernfahrt” gab es letzten Sonntag. Ein Besuch beim wöchentlichen Trainingskriterium und die Eisdiele waren das Ziel. Natürlich wurde ich gleich verpflichtet, ein paar Runden mitzufahren. Im Windschatten konnte ich problemlos mithalten und auch die Kurven gingen gut zu fahren. Nach meiner Führungsrunde fing es zum Glück an zu regnen und das Rennen wurde unterbrochen. Die paar Runden konnte ich gut mithalten, auf der flachen Strecke musste man eh nicht schalten. Im Antritt geht die Kraft aber gefühlt überall hin, nur nicht nach vorne. Die Weiterfahrt zur Eisdiele war dann doch die sinnvollere Option.

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